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Vortrag Reichgr 318   1Die Digitalisierung hat die Medienlandschaft maßgeblich verändert. Online-Portale sind auf dem Vormarsch, jeder kann heutzutage mit Hilfe eines Smartphones Informationen im Internet verbreiten – und zwar unabhängig davon, ob er die Kompetenz dazu hat oder nicht. Es ist wichtiger denn je, dass Kinder wie Erwachsene unseriöse von seriösen Inhalten unterscheiden können.

 

„Das Thema Medien wird immer wichtiger“, betont Benjamin Flächer, Deutschlehrer am Johannes-Heidenhain-Gymnasium Traunreut. Er spricht sich dafür aus, Vorträge zu etablieren, wie ihn Herbert Reichgruber jüngst vor der gesamten 11. Jahrgangsstufe hielt. Der Redakteur des Traunreuter Anzeigers machte die Schüler auf Funktionen und Wirkmechanismen der medialen Welt aufmerksam, mit denen versucht wird, die Leser zu beeinflussen und zu steuern.

„Wenn ihr schnell und gratis Informationen auf eurem Handy abrufen könnt, müsst ihr euch immer fragen, was dahinter steckt“, so Reichgruber. Professioneller Journalismus erforderte sorgfältige Recherche bei seriösen Quellen, verschiedenen Ansprechpartnern und Zeit. „Das dauert und kann mitunter unangenehm sein. Nötig ist die Recherche dennoch, um berichten zu können, was tatsächlich passiert ist. Auch scheinbar unwichtige Daten müssen stimmen.“ Der erfahrene Journalist empfahl den Schülern darauf zu achten, wie Medien mit ihren Lesern kommunizieren. Reißerische Sätze und Ausrufezeichen in der Überschrift können beispielsweise auf eine bewusste Skandalisierung hinweisen – und sensationsgierige Leser in ihren Bann ziehen. „Ich möchte, dass ihr ein Bewusstsein entwickelt, dass ihr etwas lest, was nicht unbedingt der Wahrheit entspricht.“ Ähnliches gelte für bezahlte Werbung und redaktionell recherchierte Artikel. „Seriöse Medien unterscheiden da ganz klar.“

Im Zuge einer Recherche sei er auch auf die Sicherheitslücken aufmerksam geworden, die der Nachrichten-App „Whatsapp“ nachgesagt werden. „Auf die Verschlüsselung kommt es an. Seit ich das weiß, nutze ich die App Threema.“

Ein Problem, dass vor allem die sozialen Medien mit sich bringen ist, dass es nicht jeder mit Persönlichkeitsrechten so genau nimmt. Während viele Nutzer von Instagram, Facebook und Snapchat Fotos von Leuten ohne deren Einverständnis veröffentlichen, sei das im seriösen Journalismus undenkbar. Reichgruber nannte in dem Zusammenhang das Beispiel Unfallfotos: Noch vor kurzer Zeit sei es durchaus vorgekommen, dass Bilder von Unglücksfällen schneller online waren, als die Angehörigen der Opfer informiert werden konnten. Mittlerweile gehen Fotografen mit mehr Bedacht vor. Dass die Leser Interesse haben an Unfällen, sei ganz normal, so Reichgruber. „Jeder will wissen, was passiert ist und ob es einen selbst betrifft. Das ist der Grund, warum man über Unfälle überhaupt berichtet.“ Er beschrieb sein Vorgehen, wenn er zur Berichterstattung an einen Unfallort fährt. Die Erstinfo müsse immer sein, was überhaupt passiert ist und dass Rettungskräfte vor Ort sind, die sich kümmern. „Es kommt darauf an, so neutral wie möglich zu berichten, das gehört im Journalismus zum verantwortungsvollen Handeln.“

Die Zusammenarbeit mit Rettungsorganisationen und der Polizei basiert auf einem Vertrauensverhältnis. Aber auch hier gibt es Grenzen, die nicht jeder Journalist bereit ist einzuhalten. Vielen geht es darum, eine Nachricht möglichst schnell zu veröffentlichen. So habe ihn die Kripo beim Leichenfund zwischen Kienberg und Harpfing im vorigen Herbst gebeten, die Meldung noch zwei Stunden zurückzuhalten, da man den Täter kenne, aber noch nicht festgenommen habe. „Deshalb habe ich natürlich wie vereinbart gewartet.“ Die Bitte äußerte die Polizei jedem anwesenden Medienvertreter gegenüber – daran hielten sich allerdings nicht alle. „Der Täter konnte trotzdem gefasst werden. Aber es hätte auch sein können, dass er es zufällig vorher im Internet liest und dann geflüchtet wäre.“

Ein großes Problem sind mittlerweile Falschmeldungen, die im Internet grassieren. Mit ihnen wird versucht, Meinungen zu manipulieren. Tatsache sei, so Reichgruber, dass Teile der Gesellschaft mittlerweile auch renommierte Medien in Frage stellen. Eine Entwicklung, die der Journalist nicht nachvollziehen kann. „Ich kann doch nicht Facebook mehr glauben als der Tagesschau!“ Er kann aber einen Punkt ausmachen, an dem die Stimmung kippte: „Wegen der Häufung an Vorkommnissen in Flüchtlingsunterkünften haben viele Medien begonnen, nicht mehr über jeden Vorfall zu berichten. Das war ein Schutzmechanismus, der aus heutiger Sicht falsch war.“ Denn so erzeugte man unbeabsichtigt eine Gegenöffentlichkeit, in deren Zuge Internetnutzer etliche dieser Fälle auf Facebook veröffentlichten. „Einige stimmten. Viele entsprachen allerdings nicht der Wahrheit. Die Internetnutzer bekamen sie dennoch zu Hauf angezeigt.“ Dazu erklärte der Journalist den Schülern die sogenannten Filterblasen: Das sind durch Algorithmen und „gefällt mir“-Angaben vorgefilterte Suchergebnisse, die zum Beispiel Google oder Facebook für jeden einzelnen vorbereitet. Wenn jemand mehrfach Meldungen über Flüchtlingsunterkünfte liest, sorgt die Filterblase dafür, dass derartige Posts zuerst angezeigt werden. Dann entsteht der Eindruck, dass es nur noch um dieses Thema geht. „Diese Filterblasen führen letztlich dazu, dass auch politischen Gruppierungen plötzlich geglaubt wird, wenn sie behaupten, die Regierung würde Informationen zurückhalten.“

Die Entwicklung habe zu Entscheidungen wie dem Brexit geführt. Und sie habe die Amerikaner dazu geritten, Trump zu wählen. „Dafür gibt es immer mehr Indizien, dass die Nachrichten dort mit Filterblasen gesteuert wurden.“ Wappnen könne man sich mit Allgemeinbildung, sagt Herbert Reichgruber. Er empfahl den Schülern, sich umfangreich zu informieren, verschiedene Zeitungen zu lesen und legte ihnen ans Herz, hellhörig zu werden. „Im Bundestagswahlkampf passiert das genauso. Und diese Art der Beeinflussung wird in Zukunft immer mehr werden.“

 

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