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Jugendstreichorchester 0418   2Die Familie der Violine mit Diskant-, Alt- und Bassinstrument, so wie wir sie heute kennen, entstand vermutlich um 1550. Jedenfalls erscheinen diese Instrumente zu der Zeit erstmalig auf Gemälden. Seither gibt es folglich hochwertige Geigenmusik, die sich, von genialen Komponisten und virtuosen Violinisten überliefert, immer weiter ausgefeilt und exzessiv in ihrer Spieltechnik weiterentwickelt, bis heute großer Beliebtheit erfreut.

Bei dem Jugendstreichorchester „Capella cantabile“ unter der Leitung von Alexander Krins stehen diese formschönen Streichinstrumente hoch im Kurs: Stolze 16 Violinen, drei Bratschen, drei Violoncelli und zwei Kontrabässe zählt das Orchester, in dem junge Erwachsene und Jugendliche aus der Musikschule Traunwalchen und Schüler des Johannes-Heidenhain-Gymnasiums Traunreut, mit freudigem Elan und erstaunlich hohem technischen Niveau musizieren.

Wie viel Feuereifer und Leidenschaft sie im Spiel an ihren Instrumenten entwickeln beweist zum einen, dass die so genannte „Alte Musik“ noch lange nicht out ist, und zum andern, wie variationsreich sich diese Instrumente auch in die „Neue“ Musik integrieren lassen. Beim Zusammenstellen des Konzertprogramms für eine sonntägliche Matinee beim Verein KulturGut Ising, in der auch die Musiklehrer Klaus Danner (Percussion) und Simon Nagl (Kontrabass) mitwirkten, fiel es Krins anhand der ausgewählten Werke aus unterschiedlichen Epochen, nicht schwer ein passendes Motto zu finden: Musikalische Zeitreise. Eine spannende Hörerlebnisreise, auf der, wie sich herausstellen sollte, so mancher Besucher im gut besuchten Isinger Saal von der enormen Variationsvielfalt, die sich über die Epochen entwickelt hatte, angenehm überrascht wurde.

Aus der ersten Oper, „L'Orfeo“ (1607), von Claudio Monteverdi, hatte Krins eine Suite zusammengestellt, die in einer Art Themenquerschnitt klanglichen Einblick in den Mythos Orpheus gewährte. Mit pointierten Rhythmuswechseln, welche zugleich auch als Parameter der Stimmungswechsel zwischen Hoffnung, Verzweiflung und Trauer über das Scheitern der Liebe gelten dürften, bekamen die Zuhörer genussvolle Eindrücke eines musikgeschichtlichen Monumentalwerks. Und das in geschmackvoll komprimierter Form. Höchst lobenswert für das noch jugendliche Alter der Streichmusiker, war die bemerkenswerte emotionale Ausgestaltung, insbesondere wenn man die tiefgründigen Themen dieses Werks kennt. Hut ab auch vor dem gesegneten Motivationstalent des Orchesterleiters Alexander Krins, der mit vollem Körpereinsatz in akzentuiertem, zuweilen fast explosivem Dirigat, das Maximum aus seinen Schülern herauszukitzeln imstande war. Saubere Einsätze und harmonisches Zusammenwirken kürten auch das Andantino aus dem „Impromptu für Streichorchester“ von Jean Sibelius (1865-1957): Gekonnte Pizzicati der Violoncelli mit tänzerischem Ausdruck erinnerten an einen Pas-de-Deux, wobei das zarte Streichen der Violinen und Kontrabässe mit melancholischer Gefühlsfärbung erdete.

Frisch einstudiert und neu im Repertoire kam im Anschluss das viersätzige Concerto f-moll von Alessandro Scarlatti (1659-1725) zu Gehör – ein hochwertiges polyphones Stück mit dramatischer Kraft in erster Tonart. Nach der Pause, warnte Krins augenzwinkernd vor, sollte sich dann die Gangart drastisch ins Moderne ändern: Mit dem Spiritual Concerto für Solovioline und Streichorchester war man mit einem großen Satz im 21ten Jahrhundert gelandet: Keine leichte Kost von Helmut W. May - so ganz dem zerrissenen und aufwühlenden Zeitgeist unserer Tage entsprechend. Geprägt von dem Spiritual „I want to die easy“, lässt die Komposition mit aparten Klängen afroamerikanische und europäische Konzerttradition verschmelzen. Aus der spannenden, aber etwas eigenwilligen Tonsprache, die wie eine musikalische Illustration zu dem Thema zu verstehen ist, hört man den poetischen Hintergrund des Werkes heraus. Die Solovioline führt mit der Melodie eines Wanderers ein und schließt am Ende mit einer Elegie, erzählt retrospektiv wie in „Erinnerungsfetzen“ aus einem ereignisreichen Leben. Die beiden Solistinnen Anna-Lena Mayer (Violine) und Laura Dziewior (Violincello) konnten sich mit grandioser Leistung über einen kräftigen Applaus freuen. Den gab es ebenso am Ende des letzten Werkes der Serenade D-Dur KV 239 von Mozart, in dem die Solisten Dorothea Steinbacher, Anna-Maria Gleisinger (Violinen), Hannah Wastlhuber (Viola) und Moritz Brandl (Kontrabass), den restlos begeisterten und spürbar vitalisierten Zuhörern eine wahre musikalische Vitaminspritze verpassten.

Kirsten Benekam

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