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Berlinfahrt 0719   3Was hätte der alte Preußenkönig Friedrich II. wohl gesagt, wenn er mit uns im Jahr 2019 durch seine alte Heimat Berlin spaziert wäre? Er wäre wohl aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen! Darüber, dass die Idee der Toleranz, die ihm so am Herzen lag, heute in dieser Stadt in so vielen Bereichen tatsächlich verwirklicht worden ist!

Darüber, dass sich eine Horde von 16jährigen so ganz ohne Drill über mehrere Tage von eigentlich ganz netten Lehrern bändigen lässt. Dass einfach mal alles gut läuft, harmonisch und rund! Das hätte er mit Blick auf seine eigene demütigende Jugendzeit wohl glatt für ein Wunder gehalten…

Entsetzt wäre er dagegen gewesen, wenn er erfahren hätte, was Berlin in der Zeit nach seinem Ableben für traurige Kapitel durchgemacht hat. Aber der Reihe nach, denn besucht haben wir den Alten Fritz in Potsdam schließlich erst am Ende unserer Reise. 

Nach unserer ersten Station, dem beeindruckenden Technikmuseum, widmen wir den ersten Tag v.a. dem Herzstück der Stadt: dem Regierungsviertel! Während wir am Spreeufer darauf zu schlendern, kommen die ersten unerwarteten Sonnenstrahlen und tauchen die Reichstagskuppel in ein goldgelbes Licht. Drinnen werden wir von kompetenten Leuten über den Politikbetrieb aufgeklärt und an die Geschichte des Gebäudes erinnert. An seine Anfänge im 19. Jahrhundert, an den verhängnisvollen Reichstagsbrand 1933 und daran, dass man ein Ding manchmal von einem durchgeknallten Künstler aufwändig verpacken lassen muss, damit es überhaupt gesehen wird. Gleichzeitig überschlagen sich die aktuellen politischen Ereignisse. Beim Rausgehen erfahren wir, dass Frau von der Leyen neue EU-Präsidentin wird und Jens Spahn – angeblich – Verteidigungsminister, später wird es dann doch AKK. Spannend! Dann lobt auch noch ein Mitarbeiter im Paul-Löbe-Haus das brave Verhalten unserer Schüler – glücklich und zufrieden zerstreuen wir uns am Abend in die belebten Schöneberger Straßen und lassen es uns gut gehen, der erste Tag ist perfekt.  

In den folgenden Tagen lässt es sich nicht vermeiden, dass wir immer wieder mit den Schattenseiten der deutschen Geschichte konfrontiert werden. Aber schließlich kann keine Stadt so gut und eindringlich von ihnen erzählen wie Berlin! Der Nationalsozialismus – gar nicht der Schwerpunkt unserer Fahrt – begegnet uns auf Schritt und Tritt: im Gebäude des Finanzministeriums (ehemaliges Reichsluftfahrtministerium), nicht zu übersehen natürlich im monumentalen Bau des Olympia-Stadions, aber auch in kleinen Details wie den Speer-Leuchten auf der Straße des 17. Juni. Für die Stadtrundfahrt haben wir uns viel vorgenommen und so betreten wir das Holocaust-Mahnmal nur wenige Minuten. Aber es macht etwas mit uns. Und wenn wir nur darüber nachdenken oder diskutieren, was wir davon halten sollen, wenn die (jüdische) Sängerin Pink ihre Kinder auf den Stelen herumturnen lässt…  

Frau Lambertsen, unsere nette Stadtführerin, sagt uns während der Busrundfahrt eigentlich ständig, ob wir gerade im ehemaligen Westen oder Osten sind. Merken können wir es uns trotzdem nicht. Vielleicht ein gutes Zeichen, dass die ehemalige Teilung schon ein gutes Stück überwunden ist? Diese wird uns dann v.a. im Bezug auf den Ostteil noch einmal sehr bewusst. Im DDR-Museum erfahren wir, wie wenig selbstverständlich ein Festnetz-Anschluss war. Was es heißt, nicht frei reisen zu können, spüren wir in dem seltsam schmalen Durchgang der Passkontrollstelle im Tränenpalast. Im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen lernen wir eine Zeitzeugin kennen, die dem Arbeiter- und Bauernstaat als junges Mädchen frech die Stirn geboten hat – mit allen Konsequenzen. Sie rät den Schülern eindringlich, die eigene Zukunft in die Hand zu nehmen und die geschenkte Freiheit zu nutzen. Wenn diese Frau das sagt, klingt es nicht nach einer Floskel. 

Am Abend finden wir einen Ausgleich zu den ernsten Themen im Theater des Westens („Take-That-Musical“) oder bei den Comedians im Quatsch-Comedy-Club. Es gibt aber ein noch viel einfacheres Mittel, um in Berlin glücklich zu werden: essen gehen! Kulinarisch gesehen treffen sich hier nämlich so ziemlich alle Länder dieser Welt und man kann wählen zwischen nepalesisch, mexikanisch, arabisch oder wonach einem sonst gerade ist. Ja, Berlin ist wirklich eine weltoffene Stadt. „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“, sagte der Preußenkönig und meinte damit sicher nicht nur die Toleranz anderen Religionen gegenüber. Dass es diese simple und fabelhafte Idee aus dem 18. Jahrhundert durch all die Schrecken der deutschen Geschichte bis in unsere Gegenwart geschafft hat, konnten wir auf unserer Reise spüren. Danke, Berlin!

OStRin B. Krieger

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